Geister aus einer kleinen Stadt

Großbetschkerek, Nagybecskerek, Petrovgrad und Zrenjanin, all diese Namen trug die "kleine Stadt" im 20. Jahrhundert. Es ist die Heimatstadt des Autors, das heutige Zrenjanin im Banat. Deutsche, Serben, Ungarn, Roma und Juden wohnen hier bunt gemischt und mehr oder weniger in Harmonie. Doch in Deutschland ist Hitler ist an die Macht gekommen. Der Autor malt ein Stimmungsbild eines kaum bekannten Fleckens Europas - erst in warmen, dann in nüchternen Farben. In der Mehrzahl sind es die jüdischen Bürger, die der Autor kapitelweise präsentiert: Den Buchhändler, der Wert darauf legt, Rittmeister in der k.-und-k.-Armee gewesen zu sein, die Familie des Gynäkologen, den bescheidenen Kunsttischler, den neureichen Holzhändler, den nachlässigen Wasserverkäufer, die Modistin, die Hüte nach der neuesten Budapester Mode entwirft. Daneben treten auch noch der Pope und seine drei Töchter auf, der deutsche Industrielle oder der "Zigeunerkönig", das Oberhaupt der Roma. Doch sie dienen eigentlich mehr der Abrundung des Bildes der jüdischen Bürger in der Stadt, die keineswegs eine eigene Kaste bilden, zumal die meisten von ihnen ihre Religion nicht praktizieren, vielmehr eine Mischung jüdischer und orthodoxer Bräuche die Kleinstadt prägt. Dennoch sind die Juden auch nicht völlig integriert im Städtchen, zumindest fühlen sie sich nicht so und strengen sich mitunter deshalb noch mehr an, als tadellose Bürger zu gelten. Während der NS-Grausamkeit wird in nüchternen Farben ein unspektakuläres und kaum bekanntes Fleckens Europas geschildert. Auf bestürzende Weise zeigt der Autor, wie eine willkürliche Ideologie gleich einem Blitz von außen in eine funktionierende multikulturelle Gemeinschaft fahren und sie so zerstören kann, dass sie nachher nie wieder so sein kann wie zuvor... Der Roman hat drei Teile: die Friedenszeit, an deren Horizont sich das Unheil bereits ankündigt, die Kriegszeit mit dem tragischen Schicksal der meisten Protagonisten aus dem ersten Teil, und die Nachkriegszeit mit dem Versuch einer Normalisierung. KLAPPENTEXT: In einer kleinen Stadt im Banat, an einem Wasserlauf, der sich gerne Fluss nennen lässt, wiewohl er nur ein Kanal ist, leben die Menschen Ende der dreißiger Jahre im harmonischen, nahezu idyllischen Miteinander, in einem "melting pot" von Sprachen und Religionen. Im Haus des Arztes etwa sprechen die Eltern miteinander ungarisch, mit den Kindern deutsch, mit dem Zimmermädchen serbisch und mit den Patienten nach deren jeweiligen Bedürfnissen. Leicht kommt der serbisch-orthodoxe Pope nicht damit zurecht, dass sich seine älteste Tochter ausgerechnet in den Sohn des jüdischen Apothekers verliebt hat, ebenso wie die jüdischen Bäckersleute und das deutsche Fabrikantenehepaar, deren Kinder, der singende Rechtsanwalt und das blonde Fräulein, zu heiraten beschließen. Doch man einigt sich, und noch nicht einmal die Juden gestehen sich ihre Sorgen darüber ein, dass in Deutschland ein Herr Hitler an die Macht gekommen ist. Dann kommt der Krieg und nichts bleibt, wie es war. Ivan Ivanji lässt die Menschen eines kleinen Balkanstädtchens wieder auferstehen, mit ihren Sehnsüchten und Träumen, mit ihren Vorlieben und unterschiedlichen Lebensstilen. Jeder von ihnen hat eine andere Strategie, sich auf die Zukunft einzustellen - doch kaum einer wird den Nationalsozialismus überleben...

Handlungsorte

»Umwege erweitern die Ortskenntnis.«
Kurt Tucholsky

Buchdetails

Handlungsorte
Zrenjanin, Banat (allg.)
Buchdaten
Titel: Geister aus einer kleinen Stadt
AutorIn: Ivanji, Ivan
LeserIn: Günter H.
Eingabe: 31.01.2017


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