Yoko Tawada

im Gespräch über Deutungsmuster, die Literatur als Rausch und die Eisenbahn

Welche geographischen Orte spielen in Ihrem Werk eine besondere Rolle, bzw. Kulisse?

Ganz verschiedene Orte zwischen Tokyo, New York und Berlin. Oder zwischen den Lofoten-Inseln und Kapstadt. In meinem neuesten Buch Schwager in Bordeaux steht Hamburg endlich im Mittelpunkt. Ich habe von 1982 bis 2006 in Hamburg gelebt. Während ich dort war, konnte ich nicht über Hamburg schreiben.

Ihr neuester Roman spielt neben Hamburg auch in Bordeaux. Beide Städte haben einen Hafen und liegen doch nicht am Meer. Sind es Orte verschiedener Formen von Sehnsucht, wie der Klappentext es beschreibt?

Eine sehr schöne Frage, die ich unbeantwortet lasse, da mir keine schöne Antwort einfällt.

Sie bewegen sich hauptsächlich in zwei sich fremden Welten: Japan und Deutschland. Was bedeutet das für Ihr Schreiben?

Man kann nicht über einen Apfel schreiben, wenn man seine Augen gegen es drückt. Man braucht eine Distanz oder besser: einen Raum zum Beobachten und zum Nachdenken. Nicht nur Japan und Deutschland. Auch die Schweiz und Deutschland sind zum Beispiel so verschieden. Was die kulturellen Differenzen betrifft, gibt es so etwas wie die Zentralperspektive. Von Japan aus gesehen, sehen alle europäische Länder ähnlich aus. Aber je näher man sich Europa nährt, desto größer werden die Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Ländern. Das finde ich spannend.

Wo beginnt für Sie persönlich die Fremde?

Menschen, die aufgehört haben zu denken, sind mir fremd, egal aus welchem Land sie kommen. Menschen, die ständig versuchen, ihre Mitmenschen zu einer Klasse einzuordnen, sind mir auch fremd. Männer, die gar nichts Weibliches mehr haben, sind mir fremd. Sportanzüge, Gesellschaftsspiele, Seegurken sind mir fremd.

Es scheint, als wollen Sie immer wieder erreichen, die Welt ohne die gängigen Erklärungs- und Deutungsmuster zu sehen. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Viele Erklärungsmuster zwingen uns zu einer Lebensform, die mit einer Depression endet. Manche versuchen, sich durch Alkohol zu retten, aber die Literatur ist ein besserer Rausch. Es ist schön, die Augen zu öffnen. Es ist auch schön, die Augen zu schließen. Aber es ist nicht schön, in einem gängigen Deutungsmuster einzugehen.

Meinen Sie nicht, wir benötigen Klischees, um uns räumlich wie gesellschaftlich orientieren zu können?

Manchmal ist eine Speisekarte ganz gut, um sich zu orientieren, selbst wenn sie nicht stimmt. Aber sie hat eigentlich nichts mit den Speisen selbst zu tun. Daher isst keiner die Speisekarte.

Es scheint, als wenn die Eisenbahn ihr liebstes Transportmittel ist. Können Sie sagen, warum?

In einem Zug wird man nicht seekrank. Man kann dort träumen, schlafen, schreiben, lesen oder fremde Menschen beobachten. All das kann man nicht, wenn man Auto fährt. In einem Zug vergisst man, dass man ein Ziel hat und trotzdem kommt man automatisch dort an, wo man hin wollte. Der Weg ist das Ziel. Aus dem Flugzeugfenster kann man nichts sehen, während man aus einem Zugfenster alles sehen kann: Jeder Baum grüßt mich, wenn ich meine Augen offen halte.

Interview © Jens Nommel 02/2009

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»Bücher haben die Macht, einen ganz gewöhnlichen Ort mit der Aura des Besonderen zu umgeben.«
Paul Theroux

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