Ricco Bilger

Der Schweizer Verleger im Gespräch über die Berge als Metapher in der Literatur

Herr Bilger, das Motto Ihres Verlages lautet: „Der Berg, die Wüste, der Himmel, das Meer – Schweizer Literaturen im bilgerverlag“ – wie ist das gemeint?

Unsere Bücher handeln in der Welt, einzig der Fokus bei der Auswahl der Autorinnen und Autoren ist auf die Schweiz gerichtet. Insofern handelt es sich auch weniger um ein Motto, als vielmehr um eine Verlagsphilosophie. Der bilgerverlag steht nicht für ‚die Schweizer Literatur’, sondern im besten Sinn für die ‚Schweizer Literaturen’.

Welche Rolle spielen Handlungsorte in Ihrem Verlagsprogramm?

Handlungsorte spielen Hauptrollen im Verlagsprogramm:
Algerien in Ben Kader
Argentinien in Organza
Amsterdam in Die Gilde
Südfrankreich in Manchmal sehe ich am Himmel einen weiten Strand
Italien in Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola, oder
Tanger im genialen Band Tanger Telegramm.
Und dann sind da natürlich die Berge. Es gab bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhundert eine große Tradition an Weltliteratur, die in den Schweizer Bergen gespielt hat (z.B. Derborence von Charles Ramuz, Via Mala von John Knittel, Bergfahrt von Ludwig Hohl, Durcheinandertal von Dürrenmatt, Der Mensch erscheint im Holozän von Max Frisch oder das gewaltige Haute Route von Maurice Chappaz). Dann wurden die Berge den ‚Rechten’ überlassen, wie übrigens auch die Volksmusik. Man hat sich sehr schwer getan, die Berge als Kulisse in der Literatur zu verwenden, denn man wollte nicht mit dem negativ besetzten Begriff „Heimat“ in Verbindung gebracht werden. Das ist vorbei: Sowohl in der Literatur wie auch in der Musik und ganz stark auch im Schweizer Film. Wegweisend dabei sind zweifellos die Romane Schattwand und Graatzug von Urs Augsburger. »T.C. Boyle der Alpenliteratur« nennt ihn die Kritik. Das sagt fast alles aus.

Die Berge erleben also eine Renaissance in der Schweizer Literaturlandschaft?

Ja. Als Urs Augstburger im Jahr 2002 Schattwand geschrieben hat, veränderte sich etwas. Mittlerweile gibt es fast keinen neuen Schweizer Roman, der nicht in den Bergen spielt. Selbst Martin Suter hat im Teufel von Mailand die Bergszenerie gewählt. Wenn auch nur als reine Kulisse. In Beschreibungen merkt man im Allgemeinen schnell, ob einer die Berge als pittoreske Kulisse einsetzt oder ob die Bergszenerie als solche eine ‚handelnde’ ist. Aus einem beinahe archaischen Wissen heraus.

Welche Funktion übernehmen die Berge in der Bergtrilogie von Urs Augstburger?

In den Bergen sind die Bewohner auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. In den kleinen Gemeinden können sich die Menschen hassen oder lieben – letztendlich sind sie dennoch aufeinander angewiesen, um überleben zu können. Und daraus entstehen Geschichten. Sagen und Legenden. Und was geschieht zum Beispiel, wenn Leute aus der Stadt als unwissende und oft ignorante Eindringlinge sich dort breit machen und mit ihrem Verhalten oft unbewusst alte Wunden aufreissen? Urs Augstburger hat in Schattwand das Substantielle, bzw. den Mythos der Berge in der realen Beziehung der Menschen zueinander herausgearbeitet, inklusive der Angst vor dem Einfluss von außen. Augstburgers Bergromane sind eminent politische Romane, da z.B. die Geschichte der Schweiz als xenophobes Land nachgezeichnet wird. Entlang den Handlungssträngen, aus denen diese Geschichten gewoben sind.

Die Natur also als Metapher?

Die Natur als Metapher ist substanzieller Teil der Geschichte der Weltliteratur. Die Beschreibung der Natur diente schon immer dazu, prototypisch den Mensch in seiner ‚Geworfenheit-ins-Leben’ zu beschreiben. Nehmen Sie Melvilles Moby Dick oder Juri Rytcheu mit seinen Tschuktschen-Romanen. Aber auch Nadolnys Endeckung der Langsamkeit: Hier wird gezeigt, wie jemand, der in dieser Welt nicht funktioniert, sich eine Landschaft sucht, die zu ihm passt – in dem Fall den unendlichen Raum des Meeres. Der geographische Rahmen wird dann zum Raum, indem sich der Mensch entfalten und entwickeln kann. Es ist eine Spiegelwelt, in der sich der Mensch immer wieder als Handelnder erfährt, als einer, dessen Handeln Grundantrieb dazu ist, sich in dieser Spiegelwelt zurechtzufinden. Der Berg - Das Meer / der Himmel - die Wüste: Hierin eröffnet sich die Verlagsphilosophie auf nahe liegende und doch wundersame Weise.

Ist das der Grund, warum die Bergromane z.B. auch im flachen Norddeutschland erfolgreich sind?

Letztendlich ist es gleichgültig, ob die Bergromane in Zürich, Buenos Aires oder Berlin gelesen werden, denn durch die Globalisierung stoßen die Menschen mit ihrer Befindlichkeit immer wieder auf dieselben Themen. In Zeiten eines großen Sinn- und Werteverlusts und einer daraus resultierenden Orientierungslosigkeit suchen die Menschen nach Räumen, in denen sie sich, wenn auch nur vorübergehend, einrichten können.

Wie stehen Sie denn zur heilen Bergweltbeschreibung der Johanna Spyri?

Bevor Johanna Spyri ihre Heidi-Romane schrieb, waren die Berge weit davon entfernt kitschig zu sein. Aber wer sagt denn, dass es nur heile Bergweltbeschreibung ist, die Spyri geliefert hat. Dass in der Bergwelt Heilung zu finden ist, heißt ja nicht, dass die Berge als Kulisse eine heile Welt widerspiegeln, auch wenn das die meisten anders sehen. Sicherlich haben Spyris Romane, bzw. der Roman Heidi dazu geführt, dass sich Schweizer Autoren und Autorinnen später damit schwer getan haben, das Motiv der Berge aufzunehmen.

Finden Sie den Begriff „Heimat“ nicht auch ein wenig klebrig?

Nein. Auf keinen Fall. Im Begriff Heimat findet sich vieles, dessen der Mensch verlustig gegangen ist. Wenn Sie den Begriff »Heimat« als klebrig empfinden, hat das vielleicht damit zu tun, dass er gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts negativ aufgeladen wurde und immer noch entsprechend empfunden wird. Vielleicht ist es unmöglich, diesen »klebrigen« Begriff neu mit einer Bedeutung zu füllen, die eine ursprüngliche ist und von einer selbstbewussten jungen Generation neu definiert wird. In diesem Sinne thematisieren alle guten Bücher den Begriff Heimat. Von Uwe Tellkamps Turm bis hin zu Rolf Lapperts Nach hause schwimmen. Der eigentliche Hausheilige des bilgerverlags ist Corto Maltese. Heimat ist für uns immer, wo Corto Maltese auftaucht. Der perfekte Handlungsreisende in Sachen bilgerbücher.

www.bilgerverlag.ch

Interview © Jens Nommel 12/2008

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