Artur Becker

im Gespräch über die Masuren, Zeitreisen in die Kindheit und die Angst vor der Natur

Herr Becker, ein Portrait in der Wikipedia zeigt Sie in einem Auto. Sind Sie gerne unterwegs?

Es gibt zwei Arten von Reisen. Zum einen bin ich häufig in Deutschland auf Lesereisen. Ich empfinde es als großen Vorteil, denn ich lerne dieses Land sehr gut kennen, auch wenn es nur Schnappschüsse von für mich fremden Orten sind. Für mich als polnischer Emigrant ist es eine ständige Entdeckungsreise durch ein Land, in dem ich lebe, in dessen Städten meine eigene Geschichte aber nicht verankert ist.
Zum anderen mache ich Zeitreisen in meine Heimat Masuren. Diese privaten Reisen sind mir heilig, weil ich in meiner Erinnerung reise. Es kommt mir oft merkwürdig vor, dass ich schon seit 23 Jahren in Deutschland bin. Ein seltsames Gefühl sagt mir, ich hätte nur kurz eine polnische Kneipe verlassen, um Zigaretten zu holen.

Sie sind noch nicht in Deutschland angekommen?

Ich verstehe Masuren als meine eigene Landschaft. Hier in meiner neuen Heimat Verden an der Aller bei Bremen fühle ich mich oft als Zaungast, obwohl ich schon so lange hier lebe und Deutsch meine Literatursprache ist. Es ist nun mal nicht meine Heimat und ich werde immer ein Gast bleiben, was ich nicht als unangenehm empfinde. Als wäre ich ein Dieb, der von einer fremden Torte isst.

In Ihren Büchern erzählen Sie viel von Ihrer polnischen Heimat.

Jeder Schriftsteller hat bestimmte Hausaufgaben. Und meine Aufgabe und Pflicht ist es, mich mit meiner Heimat zu befassen, also von Masuren zu erzählen und diesen Raum zu erschließen. Ich fühle mich mittlerweile aber auch für Verden und Bremen zuständig. Mein 2003 erschienener Roman Kino Muza handelt erstmalig in Bremen – neben meiner Heimatstadt Bartoszyce.

Sie sagten mal: „jeder Ort hat seinen Geist, aber besondere Gebiete haben einen ganz besonderen Geist und das trifft für Masuren unbedingt zu.“ Können Sie das erläutern?

Das, was einen Ort im metaphysischen Sinne ausmacht, trägt man in sich. In meinem Fall ist es durch die Kindheit geprägt. Und unabhängig davon, wo ich mich aufhalte, trage ich diese Landschaft in mir.

Das klingt sehr vergangenheitsbezogen.

Wenn ich Literatur schreibe, erzähle ich Vergangenheit – Geschichten, die irgendwann mal passiert sind. Orte haben dabei eine tiefe psychologische Bedeutung. Das fängt damit an, zu hinterfragen, woher die Orte ihre Namen haben. In meiner Heimat hatten die Orte vor 1945 deutsche Namen. Warum hieß meine Geburtsstadt Bartoszyce „Bartenstein“, was bedeutet das?
Auch T.S. Eliot hat versucht, die Orte seiner Kindheit zu entschlüsseln und die Bedeutung zu ergründen. Er hat sich in seinen Gedichten Vier Quartette auf eine Entdeckungsreise begeben und die religiöse und metaphysische Geschichte mit der privaten verknüpft. Ich mache eigentlich nichts anderes, wenn ich zum Beispiel über den Dadajsee in Masuren schreibe.

Dann sind Sie also literarisch an Ihre biografischen Orte gebunden?

Nicht unbedingt. Josef Winkler ist oft nach Indien gegangen. Er sagte, auch wenn er in der Fremde ist, landet er immer wieder dort, wo seiner Kindheit angefangen hat. Er sucht auch im fremden Land solche Situationen, die ihn an das erinnern, was er in der Kindheit erlebt hat. Wahrscheinlich kann man nicht anders!

Gibt eine Parallele zwischen Masuren und Ihrer neuen Heimat, dem nördlichen Niedersachsen?

Die Landschaft der Masuren erinnert mich manchmal an die Toskana. Sie ist sehr hügelig und häufig sieht man kleine Barockkirchen. Es gibt sehr viele Seen, die aber stärker verwildert sind, als die norddeutschen Seen. Auch die Waldflächen sind in Masuren sehr viel größer als in Deutschland.

Ihr 1997 erschienenes Debut heißt „Dadajsee“. Und der See taucht auch später immer wieder auf. Ist der See eine Metapher?

Mein Vater war Leiter eines Erholungsheims am Dadajsee. Ich habe als Kind die langen Sommer dort verbracht. Und das ist das Beste, was man einem Kind schenken kann. Negativ war die desolate Ästhetik des Sozialismus, das Vulgäre, das dumme, stumpfe Wodkatrinken. Die Rettung war die Landschaft als Raum: Als Schönheit – die Natur als Meisterin. Und trotzdem ist der See sehr gefährlich. Hier ertrinken jedes Jahr Menschen, denn es gibt sehr gefährliche Strömungen. Man hat schon früher gesagt, es wäre ein See, der ständig Opfer braucht.
Wasser ist aber ja nicht nur gefährlich, sondern auch etwas Heiliges. Am Wasser habe ich das Gefühl, ich begegne einem Lebewesen und muss diesem Lebewesen Respekt entgegen bringen.

Inwiefern wird der Mensch durch seine natürliche Umgebung geprägt?

In der Kombination aus Natur und ihren Bewohnern besitzt die Landschaft einen einzigartigen Charakter. Die Menschen in Masuren sind ein Teil der Landschaft, was auch mit der Armut zu tun hat. Wobei ihre Armut nicht zwangsläufig unglücklich ist, ganz im Gegenteil.
In Masuren habe ich gelernt, mich mit den Seen und den Wäldern zu unterhalten. Ich habe es als Kind oft gemacht. Ohne esoterisch werden zu wollen, kann ich behaupten, dass der Dadajsee ein Lebewesen ist! Man muss sich nicht einmal besonders anstrengen, um die Sprache zu entschlüsseln. 

Sie haben ein respektvolles Verhältnis zur Natur?

Ich bin mit einer Angst vor der Natur aufgewachsen, ganz im Gegensatz zu Allen Ginsberg und seiner Angst vor der Zivilisation. Diese Angst vor der Natur war schon immer ein wichtiges Motiv in der polnischen Literatur. Die schöne Natur birgt nämlich auch Unglaubliches und Gefährliches in sich. Aus der Verwunderung darüber konnte ich nur Schriftsteller werden.
Wenn man davon ausgeht, dass die Schöpfung ein Produkt aus dem Guten und dem Bösen ist, dann ist die Natur genau wie der Mensch etwas Dualistisches. Und dieses Gefühl werde ich in Masuren nie los. Dort spüre ich, dass es eine gute Zusammenarbeit von Gott und dem Teufel war.

Wie sehen Sie sich in Bezug auf Heimatliteratur?

Als Schriftsteller habe ich eine gewisse Verantwortung gegenüber meinen Handlungsorten. Ich darf meine Heimat nicht als rückständige Region beschreiben, in der es nur betrunkene Fischer gibt. Es hat schließlich auch Kopernikus gegeben! Würde ich diese Region eindimensional beschreiben, würde ich Heimatliteratur produzieren. Siegfried Lenz und Günter Grass schreiben aber auch keine Heimatliteratur, sondern erzählen von der großen weiten Welt.

Welche Bücher haben bei Ihnen einen besonderen Eindruck hinterlassen in Hinblick auf die Imagination von fremden Orten?

„Das Tal der Issa“ von Czes?aw Mi?osz  spielt an einem Fluss und in einem Wald in Litauen und erinnert mich an meine Kindheit. Aber auch die Menschen in Früchte des Zorns von John Steinbeck sind mir sehr sympathisch. Die beschriebene Landschaft Kaliforniens ist ebenfalls karg und gefährlich. In Masuren ist der Winter so kalt, wie es in Kalifornien heiß und trocken ist. Mich interessiert grundsätzlich der Konflikt zwischen Menschen und der Landschaft.

Interview © Jens Nommel 09/2008

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