Tobias Gohlis

im Gespräch über Krimi-Hotspots, Pilgerberichte und den 5-Minuten-Ruhm

 Photo © Tobias Gohlis

Herr Gohlis, wie sehen die typischen Räume der Kriminalliteratur aus?

Typische Räume sind z.B. Banken und Villen, also Räume der Macht und der Reichen. In Kontrast dazu gibt es, wie bei Edgar Wallace, die Unterwelt, verborgene Räume wie Keller, Tunnel und Gräber. Das, was den Kriminalroman hauptsächlich interessiert, ist der soziale Raum.

Warum sind dann Regionalkrimis so populär?

Der Regionalkrimi ist in eindeutig ein Etikett des Marketings. Das Prinzip des Erfolgs hat Andy Warhol mit dem 5-Minuten-Ruhm umschrieben: es ist eine unglaubliche Überhöhung des alltäglichen Lebensgefühls, wenn man erlebt, dass das alltägliche Umfeld von einem überregionalen Medium wie der Literatur beschrieben wird. Darauf beruht der kommerzielle Effekt. Ich bezweifele aber, dass die genaue Beschreibung eines Briefkastens oder des Bäckers um die Ecke einen Sinn erzeugt.

Die Beschreibung von Orten war ja schon lange vor den Regionalkrimis populär.

Historisch betrachtet, waren die Pilgerberichte die ersten Texte, die eine Sehnsucht und in der Folge Reisebewegungen ausgelöst haben. Dahinter steht der Versuch das Geschriebene Wort zu überprüfen. Etwas später waren es dann Gemälde in der Renaissance, die das Sehnsuchtspotential gesteigert haben.

Die Überprüfung von Literatur ist ein Motiv für das Reisen?

Ja, dabei ist der Tourist dem Detektiv sehr ähnlich. Beide sind Schnüffler, die sich Räume erschließen, die ihnen zum Teil nicht vertraut sind. Der Detektiv kennt seine Stadt, aber kleinräumig betrachtet, muss er das Umfeld des Tatortes ganz genau beobachten und lesen. Genauso deutet und interpretiert auch der Tourist in der Fremde Zeichen, wie bspw. Sprache und Hinweisschilder.

Auch heute fährt mancher Leser nach der Lektüre selbst zum Handlungsort.

Inzwischen gibt es ganze Tourismusprogramme. Im Krimi kommt es aber nicht auf die genaue Ortsbeschreibung an, sondern vielmehr auf die Emotionalität. Und das wiederum gelingt nur durch Sprache. Wenn der Leser dann den Schauplatz aufsucht, wird er sich in der Regel fragen, ob die Emotionalität auch wirklich aus den Räumen selbst entstehen kann. Nehmen Sie die Wallander-Krimis von Mankell: Die Region Schonen in Südschweden ist nicht sehr detailgenau beschrieben und dennoch entsteht eine große Anziehungskraft. Aber trotzdem gilt generell: Ohne Ort kein Kriminalroman.

Wo liegen für Sie die Hotspots des Krimigenres?

Kriminalliteratur ist vor allem Großstadtliteratur:
- Los Angeles (Raymond Chandler, Michael Connelly, James Ellroy),
- New York (Ed McBain, Jerome Charyn, Lawrence Block),
- Boston (Harry Kemelman, Dennis Lehane, Charlotte McLeod)
und europäische Großstädte, z.B:
- Marseille (Jean-Claude Izzo),
- Paris (Georges Simenon, Léo Malet, Fred Vargas),
- London (P. D. James, Edgar Wallace),
- Stockholm (Sjöwall/Wahlöö, Arne Dahl),
- Berlin (Pieke Biermann, D.B. Blettenberg, Ulf Miehe).
Es sind also in erster Linie bedeutende Städte, die von Krimiautoren verwendet werden. Andersherum können aber auch Orte durch Krimis an Bedeutung gewinnen - wie Ystad in Schweden durch Mankell. Im Gegensatz dazu sind Peking oder Tokio fast nie als Handlungsort in Erscheinung getreten.

Kennen Sie Regionen, die in der Kriminalliteratur an Bedeutung eingebüßt oder auch gewonnen haben?

In England war der liebliche Süden, z.B. Sussex, in den 20 und 30er Jahre der Rahmen für Kriminalromane von Agatha Christie und Dorothy Sayers. Heute dagegen ist ganz deutlich das Hauptgebiet Yorkshire, wie bei Reginald Hill, David Peace, Val McDermid, oder Peter Robinson. Yorkshire eignet sich besonders gut, weil es mehrere Spannungselemente enthält: Die von der Altindustrie und Arbeitslosigkeit geprägte Landschaft, wie auch die wunderschöne Natur um den Lake District. Als drittes Element gibt es dann auch noch den Küstenabschnitt mit seinen Campingwagen-Landschaften.

Welche Bedeutung können Schauplätze in Kriminalromanen haben?

Ein Krimitheoretiker hat mal behauptet, dass sich der klassische Roman mit der Frage der Zeit beschäftigt, dagegen der Kriminalroman viel stärker durch den Raum charakterisiert wird. Mit anderen Worten: der Kriminalroman lebt geradezu davon, dass er sich einen Raum erschließt. Z.B. erzählt uns Ian Rankin, dessen Krimis alle in Schottland und Edinburgh spielen, die Geschichte der Handlungsorte und erschließt somit den sozialen Raum einer Stadt. Rankin geht also weit über das hinaus, was wir als Regionalkrimi aus Deutschland kennen.

Interview © Jens Nommel 07/2008

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