Christoph Peters

im Gespräch über Flussmenschen, Nomaden und unterschiedliche Aggregatzustände

Photo © Peter von Felbert

Herr Peters, wie sieht Ihre geistige Landkarte aus, die Ihre Handlungsorte zeigt?

Die Zentrale Achse meiner geistigen Landkarte ist der Rhein: der Niederrhein, wo ich aufgewachsen bin, der Mittelrhein, wo ich lange gelebt habe und schließlich der Oberrhein, wo ich studiert habe. Nicht nur, daß der Fluss mir sehr vertraut ist, er ist für mich im umfänglichen Sinne mit dem Begriff „Heimat“ verbunden. Die Karte wird außerdem maßgeblich von Orten geprägt, die ich als Jugendlicher auf einer Interrailreise besucht – oder sagen wir: gestreift habe: Amsterdam, Paris, Rom, Barcelona, Granada, Fes, Basel, Fribourg, Wien, Athen. Diese Städte sind für mich voller Erinnerungssplittern und Empfindungen.
Damals in Marokko hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, vollkommen fremd zu sein. Später sind dann Istanbul und Kairo mit ihren großen Moscheen und dem völlig anders gearteten Lebensgefühl Auslöser für eine nachhaltige Irritation und das Aufbrechen meiner eigenen kulturellen Gewißheiten gewesen.

Sind Sie damals schon als Schriftsteller zur Recherche dorthin gefahren?

Ich bin eigentlich immer halb als Maler und halb als Schriftsteller gereist. Aber von dem Moment an, als ich z.B. den Kern der Geschichte zu Das Tuch aus Nacht hatte, bin ich auch als Repräsentant meiner Figuren durch Istanbul gezogen. Vielfach waren es die Augen von Albin Kranz, durch die ich damals die Stadt betrachtet habe.

Ihr zuletzt erschienener Roman behandelt die japanische Kultur. Haben Sie das Land bereist?

Die Hauptgeschichte von Mitsukos Restaurant spielt ja in einem japanischen Restaurant am Mittelrhein, und der Roman handelt nicht primär vom wirklichen Japan, sondern von den Japanbildern in unseren Köpfen. Deshalb habe ich mich entschieden, nicht dorthin zu fahren, denn dann hätten die Eindrücke des realen Japan, Anfang des 21. Jahrhunderts, die Vorstellungen, die sich die Hauptfiguren Mitte der 80er Jahre auf der Basis von Samuraifilmen, Holzschnitten und Büchern über Zen-Buddhismus gemacht haben, überlagert. Es gibt in dem Roman einen zweiten Handlungsstrang, der rund um eine Töpferwerkstatt im Tokoname des frühen 17. Jahrhunderts angesiedelt ist – dort hätte ich nur mittels einer Zeitmaschine hinreisen können, da mir die nicht zur Verfügung stand, habe ich das ziemlich umfänglich recherchiert.

Sie wechseln also zwischen weit entfernten Orten und Ihrer Heimat als Kulisse Ihrer Romane…

Ja, der nächste Roman spielt wohl wieder am Niederrhein. Ich habe immer hin und hergeschwankt, ob ich im Innersten Nomade oder geradezu manisch sesshaft bin? Wenn ich erst einmal irgendwo bin und arbeite, möchte ich meinen Ort am liebsten nie mehr verlassen, so wie meine bäuerischen Vorfahren, die zeitlebens keine Reisen und keinen Urlaub gemacht haben. In diesen Phasen muss ich große innere Widerstände überwinden, um mich in Bewegung zu setzen. Wenn ich dann aber erst einmal unterwegs bin, fühle ich mich wie ein Nomade und würde am liebsten für den Rest meines Lebens weiter ziehen. Das spiegelt sich auch in den Texten wider. Es gibt dort Menschen, die weg gehen und in der Fremde aus den Angeln gehoben werden, manchmal wird ihnen gerade dadurch etwas klar. Oder sie handeln von Leuten, die zuhause bleiben, und sich gar nicht vom Fleck bewegen, die driften dafür dann oft innerlich ab.

Die erwähnte Europareise, die Sie als Jugendlicher unternahmen, hat Sie also geprägt?

Ja, und noch davor das Leben in einem Internat, wo ich mich wortwörtlich interniert fühlte. Meine damalige Vision war die freie Wanderexistenz, mich nach Süden abzusetzen und als Straßenmusiker von Ort zu Ort zu ziehen. Mein erstes Berufsbild als Schriftsteller war das des fahrenden Sängers. Auf der anderen Seite spürte ich, dass ich auch in einem Zimmer voller Bücher sehr zufrieden sein kann. Es gab sogar Zeiten, in denen ich regelrecht Panik vor Reisen hatte. Es sind in meinem Kopf tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Aggregatzustände.

Daher der Titel Ihrer Geschichtensammlung "Kommen und gehen, manchmal bleiben"?

Es sind einerseits Reisegeschichten aus Afrika und dem Orient und andererseits sesshafte Geschichten. Zum Beispiel gibt es eine Geschichte in der gerade das Nicht-aus-dem-Haus-gehen zu einer Art Reisevision führt. Da wird dann der Stadtwald vor dem Fenster zum Dschungel, und ein gewöhnlicher Windstoß löst eine Art Apokalypse aus, obwohl eigentlich gar nichts passiert.

Gibt es literarische Vorbilder für Ihr Werk?

Bruce Chatwin war für mich eine zeitlang so etwa wie eine Identifikationsfigur, weil in seinem Werk eben auch diese beiden Aspekte – Sesshaftigkeit und nomadische Existenz unverbunden nebeneinander stehen bleiben können. Traumpfade war in den 80ern so etwas wie die Bibel der Rucksacktouristen. Darin entwickelt Chatwin eine ganze Theorie des Menschen als Wanderer. Auf der anderen Seite steht sein Roman Auf dem schwarzen Berg, in dem erzählt er das Leben zweier Bauernjungs, die ihren walisischen Hof siebzig Jahre lang nicht verlassen – das ist so eine Art Hohes Lied der Sesshaftigkeit.

Wie gehen Sie als Autor mit Klischees um, die Ihre Handlungsorte zwangsläufig besitzen?

Der Istanbulroman Das Tuch aus Nacht spielt ganz gezielt mit Klischees, also mit abgesicherten Bildern, die wir uns von der Fremde machen. Mich interessiert die Wechselwirkung zwischen diesen Bildern, und der Art, wie das Fremde sich unseren Bildern anpaßt oder auch gegen sie opponiert. Als ich das erste Mal länger in Italien war, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, die Leute dort spielen für die Touristen Italiener, damit wir uns wie Zuhause – nämlich in der Fremde unser Vorstellung fühlen, die uns ja ganz vertraut ist. Andererseits – wenn man jemandem nur lange genug einredet, er sei so-und-so, dann wird er es irgendwann. Manche Klischees sind auch einfach so sehr der Wirklichkeit entnommen, dass sie zumindest auf einer bestimmten Ebene zutreffen. Letztendlich wird ohnehin alles als Klischee wahrgenommen, was man mehr als zwei- oder dreimal gehört hat. Das heißt, wenn ich zufällig in mehreren Texten über irgend einen Ort der Welt etwas Ähnliches lese, ist es in meiner Wahrnehmung schon zum Klischee erstarrt. Wenn ich es aber nur einmal lese, erscheint es mir originell. Vermutlich wäre, wenn man alles lesen würde, was geschrieben wurde, längst nahezu jede Formulierung über jeden Ort der Welt klischeehaft. Trotzdem dient Literatur immer noch dazu, die Klischees zu unterlaufen. Also etwas Ungesehenes aufzuspüren oder einen anderen Blickwinkel zu finden, der das Bekannte wieder fremd und neu erscheinen lässt.

Haben Sie eine Sehnsuchtslandschaft?

Das wäre wohl die offene Flusslandschaft. Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen Fluss- und Meermenschen. Ich bin definitiv Flussmensch. Das Meer nervt mich ziemlich schnell. Blaues Wasser, das so vor und zurückschwappt, hat etwas Stumpfsinniges – es erinnert irgendwie an hospitalisierte Zootiere. Fließendem Wasser hingegen kann ich stundenlang zuschauen.

Interview © Jens Nommel 04/2010

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wenn es auf den Straßen dunkel wird.«

Jörg Fauser

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