Isabel Abedi

im Gespräch über deutsche Seelenlandschaften und die Schwierigkeiten, sich eine fiktive Insel zu erschaffen


Photo © Boris Rostami-Rabet

Frau Abedi, in Ihrem Buch gibt es zwölf Jugendliche, die für einen Film ausgesucht wurden, der auf einer brasilianischen Insel gedreht werden soll. Gibt es diese Insel wirklich?

Jein. Ich habe keine Insel gewählt, die es gibt und die ich dann beschrieben habe, sondern ich habe mir eine fiktive Insel geschaffen, von der ich aber hoffe, dass es sie so auch geben könnte.

Warum Brasilien?

Ganz einfach. Der erste und wichtigste Grund war, dass ich aufgrund der Handlung weit weg wollte. Ich hatte eine Weile lang mit dem Gedanken gespielt, die Handlung in Italien spielen zu lassen, weil ich den Namen Isola einfach klasse fand.

Was ja wiederum auch mit dem Wort „Isolation“ in Verbindung steht....

...ja, das steckt da drin und das ist dann ja auch der Titel geworden. Italien war mir zu nah. Die Jugendlichen kommen aus Deutschland und ich wollte bewusst einen Ort nehmen, der in einem anderen Kontinent liegt um das Gefühl von Weitwegsein zu schaffen.

Kennen Sie denn die Region aus der persönlichen Erfahrung?

Ja, das ist der zweite Grund. Ich habe Brasilien ganz bewusst gewählt, weil mein Mann Brasilianer ist, genauer aus São Paulo, weshalb ich eine ganz besondere Beziehung zu dem Land habe. Mit ihm habe ich das Land mehrere Male bereist. Die Insel habe ich zwischen São Paulo und Rio de Janeiro angelegt. Ich selbst war in diesen Städten, aber auch in Bahia und auf den kleinen Inseln. Allerdings nur sehr kurz und meine Erinnerung reichte nicht aus, um Pflanzen oder Tiere benennen zu können. Nur ein Vogel ist mir in Erinnerung geblieben, der Bem-te-vi.

Haben Sie besondere Recherchen angestellt, um sich Ihre Insel zu erschaffen?

Ja. Ich habe herausgefunden, dass es hier in Hamburg einen Inselmakler gibt, der schon immer davon geträumt hat, eine eigene Insel zu besitzen - Robinson Crusoe ist sein Held. Dieser Makler hat eine Broschüre herausgegeben in der er seine weltweit verstreuten Inseln vorstellt, die man mieten oder auch kaufen kann. Beides ist unglaublich teuer. Ich war so naiv zu glauben, ich könnte zu Recherchezwecken auf einer dieser Inseln Urlaub machen – das würde sich J.K. Rowling leisten können – ich kann es nicht. Ich habe mir dann aber dieses Buch zu Gemüte geführt: Neuseeland, England, Schottland, Italien – Brasilien ist da gar nicht so vorhanden, weil es seltsamerweise – oder so seltsam ist es gar nicht – viele Menschen wegen der hohen Kriminalitätsrate abschreckt. Aber ein Bild von „meiner“ Insel hat mir das Buch dennoch vermittelt. Ganz wichtig war für mich, dass die Insel klein ist. Ich habe am Anfang sogar überlegt, sie so klein wie ein Fußballfeld zu machen – auch solche Inseln gibt es in diesem Prospekt – meine Insel ist jetzt ein bisschen größer, ca. ein Quadratkilometer. Zum anderen hatte ich einen intensiven Emailaustausch mit der in Bahia lebenden Reisejournalistin Petra Schaeber - sie hat mir viele Fragen zu Fauna & Flora beantwortet. Und dann kenne ich noch einen deutschen Reisebüroinhaber, der sich gut in den Favelas auskennt, denn auch Favelas sind ein Thema in diesem Buch. Der Austausch mit meinem Mann war erstaunlicherweise nicht so gut, weil er Brasilianer ist und trotz seiner guten Deutschkenntnisse von vielen Pflanzen und Tieren nicht den deutschen Namen kennt.

Noch mal zurück zum Bem-te-vi. Welche Rolle spielt dieser Vogel in Ihrem Buch?

Das ist eine interessante Frage. In Bahia hörte ich immer wieder einen Vogel rufen – es war ein besonderer irgendwie frecher Klang. Mein Mann erzählte mir, dass dies der Bem-te-vi sei. Und Nomen est Omen: Bem-te-vi heißt: „ich habe dich gesehen“ – aber: mir zeigte sich der Vogel nicht. Für Isola recherchierte ich dann, ob es den Vogel auf meiner fiktiven Insel geben könnte. Von wilden Tieren wollte ich meinen Schauplatz freihalten – wofür im Roman das Filmteam sorgt, aber Vögel kann man schlecht daran hindern, auf der Insel zu sein. Und so landete der Bem-te-vi auf Isola. Das passte einfach hervorragend, denn das „ich-habe-dich-gesehen“ ist das Kernmotiv für diese Geschichte. Der Regisseur sieht die Jugendlichen ja ebenfalls durch die für sie unsichtbaren Kameras. Auch in der Diskussion zum Titel, den letztendlich der Verlag entscheidet, war „Ich habe dich gesehen“ eine mögliche Option.

Haben Sie einen besonderen Bezug zu Inseln?

Jein. Mein Jugendroman Whisper spielt in einem kleinen Dorf in einer deutschen Landschaft, die mir von der Seele her viel näher ist. Meine Seelenlandschaft sind deutsche Seen, Wälder und Wiesen. Das merke ich jetzt im Alter von 40, wenn ich an Orte komme, in denen ich meine Kindheit verbracht habe. Das tiefe Gefühl von Zuhause, das mit diese Orte vermitteln, habe ich auf Inseln weniger. Ich liebe Inseln – wer liebt sie nicht – aber es war dennoch schwierig, mich in diesen Handlungsort einzufinden.

Sie beschreiben auch die Glitzermetropole Rio de Janeiro. Sie stellen die Stadt im Kontrast der Glitzerwelt an der Copacabana auf der einen, und die Favelas auf der anderen Seite dar. Kennen Sie diese Kontraste aus Ihrer eigenen Erfahrung?

Ja, die kenne ich. Das ist für mich sehr schockierend gewesen. Rio und São Paulo sind sich darin sehr ähnlich. Für meinen Mann ist es sehr irritierend, wenn man von seinem Heimatland als Dritte-Welt-Land spricht und als ich das erst Mal in Brasilien war, verstand ich, warum. Die Restaurants, die Shopping-Malls und die öffentlichen Gebäude sind fortschrittlicher und glamouröser, als ich es aus Deutschland kenne. Mein Mann sagt immer: „Das beste Sushi isst man in Brasilien.“ Es ist eben ein ganz starker Kontrast zwischen sehr reich und entsetzlich arm. Das Fehlen einer Mittelschicht ist ein Prozess, den man weltweit beobachten kann, aber in Brasilien springt einem das überall entgegen. Zum Beispiel die Kinder, die an wartenden Autos Scheiben wischen und Wasserflaschen verkaufen, oder die in Bahia am Strand über die Fischreste der Touristenpicknicks herfallen. Für die Brasilianer ist das ein Stück Alltag, und ihre selbstverständliche Art, damit umzugehen, war für mich zu Anfang sehr befremdlich.

Die Jugendlichen fahren von Rio über einen kleinen Küstenort auf die Insel, die im Klappentext des Buches als „paradiesische Idylle“ bezeichnet wird. Haben Sie sich auch vorgestellt, wie die Topographie der Insel aussieht?

Ja, das habe ich so ungefähr auf dem Stand einer Siebenjährigen versucht, denn mir Räumlichkeiten vorzustellen, die ich nicht in- und auswendig kenne, ist eine meiner großen Schwachstellen. Dennoch muss ich den Schauplatz für meine Geschichten geradezu plastisch vor Augen haben. Ich muss da drin sein, das riechen, fühlen und natürlich auch sehen können. Dazu brauchte ich bei Isola einen lange Anlaufzeit. Es gibt da eine Anekdote: meine Insel musste eine Berghöhle haben, die im Buch eine wichtige Rolle spielt.  Dass zu einem Berg auch eine Anhöhe gehört, hatte ich allerdings nicht in meinem Gehirn gespeichert. Ich hatte diesen Berg einfach auf die eine Inselseite gestellt – in etwa so, als würde man auf eine flache Scheibe ein Glas stellen. Das führte im Manuskripttext dann dazu, dass zwei meiner Figuren schnurgerade durch den Wald liefen, um plötzlich von einer hohen Klippe nach unten aufs Meer zu schauen. Was meine Lektorin verständlicherweise irritierte. Verzweifelt versuchte ich mir daraufhin klar zu machen, wo ich diesen Berg ansiedeln würde – aber es wollte einfach kein Bild kommen. In einer schlaflosen Nacht ging ich dann ins Zimmer meiner Tochter, holte mir Knetmasse und knetete mir meine Insel im 3D-Format – und da „begriff“ ich es dann endlich.

Haben Sie ähnliche Probleme bei Ihrem neuen Buch?

Nein, das neueste Buch, das ich geschrieben habe, spielt in Hamburg und hier lebe ich. Die Handlungsorte kenne ich ziemlich gut. Wenn ich hier Recherche machen möchte, muss ich mich ja nur in die U-Bahn setzen.

Interview © Jens Nommel 07/2007

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