Andreas Münzner

im Gespräch über Parallelräume der Literatur und die Wenignennung von Orten

Herr Münzner, fühlen Sie sich in Ihrer Funktion als Schriftsteller ortsunabhängig?

Ich kann in gewisser Weise unabhängig vom Ort arbeiten. Aber ich bezweifle, dass ich einen Nutzen daraus ziehen kann. Und natürlich, der Schreibort bestimmt die Sicht auf die Geschichte.

Gibt es eine Landschaft für Sie, von der Sie sich in besonderer Weise angezogen fühlen?

Früher war mein Blick in Richtung Mittelmeerraum gerichtet, und ich habe eine zeitlang in Spanien an der Costa Brava gelebt. Ob etwas davon in Texte eingeflossen sein mag, weiß ich nicht, es kann ja auch etwas anderes sein als ein Handlungsort.

Ihr Debütroman heißt Die Höhe der Alpen. Welche Bedeutung haben die Berge darin?

In Grunde genommen keine. Ein Vater fragt sein Kind nach einer Schulreise immer wieder nach der Höhe der Orte, statt sich nach den Erlebnissen des Jungen zu erkundigen. Der Titel ist also eine Metapher für die elterlichen Erwartungen an die Hauptfigur.

Danach haben Sie einen Erzählband veröffentlicht.

Im Kurzprosaband Geographien werden die Geschichten der Figuren anhand ihrer geographischen Bewegungen erzählt, als projizierte man ihre Lebenswege auf Landkarten. Dabei geht es, wie der Plural im Titel schon sagt, um multiple Herkünfte. Doch im Grund ist das nur ein Erzählvorwand und die genannten Orte sind nur Chiffren für ein verdichtetes Leben in diesem „Parallelraum Literatur“.

Sie bespielen also viele verschiedene Orte. Übernehmen die Orte auch eigene Rollen?

Es gibt bedeutende Orte, wo ich die Atmosphäre spüre – eine reale Großstadt wie New York beispielsweise, oder ein altes Landgut. In der Literatur ist eine solche Aura aber eine große Gefahr, wogegen man anschreiben muss, weil so viele Allgemeinplätze mittransportiert werden. Das kann die Geschichten, die man erzählen will, vollkommen zudecken. Oder etwa durch die Nennung geographischer Vorlieben, da kratzt man nur an der Oberfläche einer Figur. Es kommt ganz auf den Text an, ob es eher zuträglich ist, sie an einem fiktiven Ort anzulegen oder einem realen. Manchmal träume ich davon, eine Geschichte an einem Ort spielen zu lassen, der einfach DER Ort ist. Der allgemeine Ort, mit dem sich jeder sofort identifizieren kann.

Man bekommt den Eindruck, Veränderungen im Leben gehen mit Ortswechseln einher. Ist das autobiographisch?

Ich habe an verschiedenen Orten gelebt, ob ich mich dadurch verändert habe, wage ich zu bezweifeln. Im Schreiben gibt es die conditio einer Figur, die mit ihren Beinen in verschiedenen Lebenswelten steht, wie etwa bei Nabokov, das empfinde ich nach wie vor als sehr zeitgemäß.

Ihr Verlag hat im Einband des Buches geschrieben, dass Ihre Prosaskizzen von einer Welt erzählen, in der die Entfernungen zwischen Orten geringer werden und die Abstände zwischen den Menschen größer. Liegt Ihnen das Thema am Herzen?

Als Lebenswirklichkeit interessiert mich, dass es heute eine vermeintliche Verkürzung von Distanzen gibt. Dadurch entsteht ein verteilteres Sein in der Welt – mit allen Problemen, die daraus resultieren. Woran orientiere ich mich? Welche Rollen spiele ich? Und natürlich die vielen Möglichkeiten. Wo soll ich hin?

In Ihrem neuesten Roman Stehle gibt es detaillierte Beschreibungen eines anonymen Handlungsortes. Es fällt allerdings nicht schwer, die Vorlage zu erkennen.

Die Geschichte spielt in einer nicht genannten Großstadt. Mir erschien es interessanter, den Protagonisten namens Stehle in einer Stadt leben zu lassen, die nicht festgelegt ist.

Es scheint also, als sei Ihr literarisches Werk nicht auf konkrete Orte angewiesen.

Ich betrachte die Literatur als vollkommen fiktiven Raum. Thomas Bernhard hat einmal gesagt, dass er sich bei seinen Theaterstücken eine schwarze Bühne vorstellt, wo er alles hinein setzt. Ich gehöre zu einer Generation, die von der Wenignennung von Orten in der Lektüre geprägt ist, z.B. bei Beckett oder Kafka. Nun hat man herausgefunden, welches Schloss bei Kafka als Vorlage gedient hat, aber gerade durch die Nichtnennung wurde der Weg frei für Projektionen.

Interview © Jens Nommel 02/2009

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