Unsentimentale Reise

Der in Wien geborene jüdische Autor Albert Drach (1902-1995) besuchte von 1913 bis 1921 das Wiener Akademische Gymnasium und promovierte in Rechtswissenschaften. Sein Werk umfasst alle literarischen Gattungen, 1988 erhielt er dafür den Georg-Büchner-Preis. In seinem „unsentimentalen Bericht" schildert er die Flucht vor der Gestapo, die Inhaftierung in verschiedenen Internierungslagern und schließlich das Überleben einem kleinen Gebirgsdorf im Hinterland von Nizza in den Jahren 1942 bis 1945. Von der Kritik wurde das Buch, im Gegensatz zu seinen vorhergehenden Werken, zunächst negativ aufgenommen. Erst mit der Neuveröffentlichung 1988, die auch mitverantwortlich für die Verleihung des Büchner Preises war, führte zu einer positiven Würdigung: „Unsentimentale Reise ist der wiederum protokollmäßig ausgekühlte Bericht über die Überlebensnöte, Überlebenszufälle, Überlebenswunder des jüdischen Emigranten, Internierten, Flüchtlings in Südfrankreich bis zum Rückzug der Deutschen nach der Invasion der Alliierten 1944. ... Die teilnahmslose, bloß auf Tatsachen gerichtete Sprache suggeriert in einem Atem, was eine solche sprachliche Optik verdrängt, ausgrenzt – sie suggeriert auf intrikate Weise die Komplexität der Sachverhalte, die das Protokollieren ausklammert. ... Das gleiche gilt für das zweite Charakteristikum der Drachschen Schreibweise, für ihre Vorliebe, moralisch gravierende, böse, empörende Dinge zu bagatellisieren, banalisieren oder in eine komische Perspektive zu rücken. ... Lassen Sie mich durch zwei längere Zitate verdeutlichen, warum Drachs Schreibweise immer wieder die Prädikate makaber, zynisch, unerträglich zynisch auf sich zog und wie beides, der Protokollstil mit seiner »anesthésie du cœur« (Bergson) und die Konzentration auf die Einheit von Gegensinnigem, von Farce und Schrecken, zu diesem Befund führen mußte. ... »Die Zeit, in der wir leben, ist ein Mosaik von Grauen und Entsetzen. Jede Sekunde läßt den Mord an Tausenden voraussehen, die in keinerlei Schuld verstrickt sind«, heißt es in der Unsentimentalen Reise. Auf der Folie dieser Zeiterfahrung manifestiert sich in der Verquickung von affektfreiem Bericht und zynischem Humor die Reduktion der Existenz auf schiere Selbsterhaltung, Selbstbehauptung, standhaltenden Lebenswillen. ... Drachs Schreibweise ist Komplement eines aporetischen Bewußtseins, dem sich keine Erfahrung in einen Sinnzusammenhang fügt. Darum muß man seinen Zynismus als gleichsam homöopathisches Gegenmittel gegen den Zynismus einer Vernunft verstehen, welche unbeirrbar die letztliche Vernünftigkeit und Sinnhaftigkeit privater wie kollektiver Geschichte behauptet. ... Das Paradox einer vis comica, die nicht lachen macht, als letzte der Traurigkeiten: dies prägt auch Albert Drachs Schreiben. Zynischer Humor, humoristischer Zynismus erscheinen darin als eine Möglichkeit pathosfreier ›Trauerarbeit‹ und, soweit es um Autobiographisch-Zeitgeschichtliches geht, subjektiver ›Vergangenheitsbewältigung‹." (Büchner Preis-Laudatio von Wolfgang Preisendanz) – Auch wenn man sich beim Lesen dieses völlig emotionslosen, sprachlich höchst biederen und vollkommen humorlosen 400-seitigen „Berichts" die laudatorische Aufladung ständig vor Augen hält, ändert das nichts daran, dass man bei der Lektüre Vergnügen nur in homöopathischem Maße empfindet, d.h. überhaupt nicht.

Handlungsorte

»Lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten.«
Jean Paul

Buchdetails

Handlungsorte
Aix-en-Provence, Nimes, Marseille, Toulon, Nizza, Rivesaltes, Cagnes-sur-Mer, Antibes, Monte Carlo, Menton, Moustiers-Sainte-Marie, Valdeblore
Buchdaten
Titel: Unsentimentale Reise
Untertitel: Ein Bericht
AutorIn: Drach, Albert
Kategorie: Erinnerungen / Tagebuch von 1966
LeserIn: Faun
Eingabe: 16.05.2026


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