Eden Eden Eden
Der französische Autor Pierre Guyotat (1940-2020) gilt als einer der bedeutendsten Avantgardisten und Erneuerer der französischen Literatur. Bereits 1961 veröffentlichte er seinen ersten Roman („Sur un cheval“). Im selben Jahr wurde er in den Krieg nach Algerien einberufen, wo er 1962 wegen Anstiftung zur Desertation und Verbreitung verbotener Schriften tagelang verhört und wochenlang in einem Verlies eingesperrt wurde. Es folgte ein Strafbataillon und 1963 die Rückkehr nach Frankreich. Traumatisiert kehrt er trotzdem bald wieder nach Algerien zurück. Später leidet er an Depressionen und kommt in diverse Kliniken, worüber er auch schreibt. Wieder in Frankreich wird er im Mai 1968, zusammen mit Hunderten von Demonstranten in Paris verhaftet. Sein zweites größeres Prosawerk „Éden, Éden, Éden“ erschien 1970 und wurde sofort nach seiner Veröffentlichung als pornographisch vom Innenministerium praktisch verboten, da es nicht an Minderjährige verkauft, keine Reklame dafür geben und es auch nicht in Schaufenstern ausgestellt werden durfte. Obwohl sich namhafte Intellektuelle für das Buch einsetzten, wurden die Verbote erst 1981 - nach vorhergehender Intervention von Mitterrand und Pompidou - wieder aufgehoben. Die erste deutsche Übersetzung kam 2015 bei Diaphanes heraus. Nachdem sein von radikalem Formwillen geprägtes Schreiben durch eine mehrjährige psychiatrische Krise abrupt unterbrochen wurde, fand er 2006 mit dem diese Zeit verarbeitenden Werk „Koma“ zurück in die Öffentlichkeit. – „Éden“ beginnt damit, dass eine Einheit französischer Soldaten irgendwo in Algerien halt macht, um ein Bordell aufzusuchen. Es folgen 337 Seiten ohne Dialoge, innere Monologe oder Gedankenströme, ohne Betrachtungen zu irgendwelchen Themen, ohne Beschreibungen von Landschaften oder Menschen. Der Text besteht stattdessen ausschließlich aus einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von detailliert beschriebenen, immer wieder gleichen sexuellen und gewalttätigen Obszönitäten, an denen Frauen, Säuglinge, Kinder, Tiere, Männer, Junge, Alte usw. beteiligt sind. Die mit Abstand am häufigsten vorkommenden Wörter sind „fesses“ (Hintern) und „cuisses“ (Schenkel), fast auf jeder Seite und oft mehrfach auf einer Seite, so viel zur stetigen Erzählperspektive des Textes. - „Tatsächlich ist „Eden, Eden, Eden“ so ziemlich das Härteste, was auf dem Gebiet der Prosa überhaupt möglich ist, formal wie inhaltlich. Der Übersetzer muss mit einer geradezu mimetischen Besessenheit gearbeitet haben, die Bewunderung verdient. Ohne dem Leser auch nur eine winzige Pause zu gewähren durch Punkte, Absätze oder Kapitel, besteht der Roman aus einem einzigen, pulsierenden Textfluss, rhythmisiert allein durch Semikola und Schrägstriche, von nichts anderem handelnd als von körperlicher Schändung, von geschlechtlichen Vereinigungen in allen Varianten, von Exkrementen, Blut, Sperma, Gestank, von Verwundungen, Tötungen, Folter, Leichenschändung, und das alles vor dem Hintergrund einer auf Dauer gestellten Lust. … Für den Autor Pierre Guyotat aber war dieses Algerien der Ort, an dem seine Obsessionen Wirklichkeit wurden. Der ideale Ort für die Fantasien und Zwangsvorstellungen, die er in endlosen Mikro-Erzählungen aneinanderreiht, auf Beschreibungen komplett verzichtend, immer nah an der Schmerzgrenze.“ (Ina Hartwig, SZ) – Für den Autor mag das Schreiben dieses Textes zur Verarbeitung seiner Traumata notwendig gewesen sein, aber warum sollte man ein dermaßen ekelerregendes Werk in Umlauf bringen?Handlungsorte
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