Viakultura

Dr. Susanne Geese und Dr. Kerstin Petermann von VIAKULTURA im Gespräch über historische Kriminalromane in Hamburg

Viakultura bietet Führungen zu Tatorten in der Literatur an - durch die Innenstadt Hamburgs, die Speicherstadt und den angrenzenden Hafen…

Geese: Ja, manchmal gibt es die realen Gebäude noch, wie z. B. das Kesselhaus in der Speicherstadt, das in den Kriminalromanen von Boris Meyn vorkommt. Ganze Stadtteile, die in den Romanen auftauchen, gibt es nicht mehr, wie der Holländische Brook- die heutige Speicherstadt -, wo damals holländische Einwanderer gelebt haben. Aber auch heute hat die Speicherstadt viel zu bieten, gerade mit den Speichern, Lastenaufzügen, Fleeten und einer Architektur mit Anklängen an das Mittelalter als Symbol der Wirtschaftsmacht Hamburgs.

Die historischen Kriminalromane aus Hamburg sind so zahlreich, dass sie schon beinahe ein eigenes Genre darstellen – welche Bücher oder Autorinnen bzw. Autoren sind Ihrer Meinung nach hervorzuheben?

Geese: Wenn man sich für Architektur interessiert, kann man Boris Meyn empfehlen, der mit seiner Kenntnis als Architekturhistoriker sehr gründlich recherchiert hat. Er arbeitet mit dezidierten Beschreibungen der damaligen Architektur.
Petermann: Petra Oelker ist ein zweites Beispiel. Ihre Krimis sind etwas früher angesiedelt als die von Boris Meyn, der hauptsächlich im 19. Jahrhundert Orte und Geschichten entwickelt. Die Krimis von Petra Oelker spielen Ende des 18. Jahrhunderts, und auch sie arbeitet mit ausführlichen Ortsbeschreibungen. Sie zieht dabei auch historische Aufnahmen von heute nicht mehr existierenden Gebäuden hinzu, um diese dann zu beschreiben.

Die Krimis erzählen - ganz nebenbei - auch die Geschichte Hamburgs, z. B. den Hafenausbau oder den großen Brand von 1842 – wird Stadtgeschichte durch Kriminalromane besser erlebbar?

Petermann: Ich denke schon. Einige Autoren, wie z. B. Thomas Finn, schaffen es, in ihren Beschreibungen von Orten visuelle Bilder beim Leser zu erzeugen, so dass man das Gefühl hat, man geht durch die Straßen Hamburgs des 19. Jahrhunderts, kurz vor dem großen Brand von 1842. Er schafft es, diese Orte wieder aufleben zu lassen, und so bildet sich eine Karte im Kopf der Leserinnen und Leser, die es so heute gar nicht mehr gibt.

Auf Ihren Führungen zeigen Sie auch die historischen Stadtpläne von Hamburg, weil sich der Straßengrundriss seit dieser Zeit gründlich verändert hat.

Petermann: Zum Teil sind den historischen Kriminalromanen aber auch Stadtkarten beigegeben, damit der Leser die alten Wege parallel zum Lesen aufsuchen kann. Auch historische Fotos tragen zur Veranschaulichung der beschriebenen Orte bei.

Warum eignet sich der Hafen so gut als Tatort?

Geese: Das hängt mit der Funktion des Hafens zusammen: das An- und Abfahren von Schiffen. Und die Atmosphäre, die jede Hafenstadt mit sich bringt, geprägt von Fernweh und Migration. Es ist also ein Ort, wo viele Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen zusammentreffen. Auch ist es ein Ort, wo man Kuriositäten und Exotika aus allen Ländern der Welt erstehen kann. Das ist z. B. für den Apotheker und Naturaliensammler Rapp in Wolf Sernos Roman Tod im Apothekenhaus ein Grund, sich in Hamburg niederzulassen. Wenn man Illustrationen aus dem 18. Jahrhundert betrachtet, dann sieht man ein Meer von Masten – ein wahres Chaos und ein guter Nährboden für Kriminalität. Es gibt durch die Architektur des Hafens aber auch Orte, wie z. B. die Speicherstadt mit ihren Lagerräumen, die uneinsehbar und somit perfekte Tatorte sind.

Profitiert die Stadt von erfolgreichen Romanen mit Lokalkolorit?

Geese: Ja, speziell Hamburg eignet sich hervorragend als Handlungsort mit dem Flair der Hafenstadt und dem weltweit berühmten Viertel St. Pauli. Thomas Finn beschreibt intensiv St. Pauli als Ort des Vergnügens im 19. Jahrhundert, aber auch in der Funktion als Wohnviertel der kleinen Leute, die zum Teil in ärmlichen Behausungen leben und um ihre Existenz kämpfen, wird der Stadtteil immer wieder zum Tatort. Gerade die historischen Romane stärken das Interesse des Lesers an der Geschichte der Stadt und an den beschriebenen Orten, wie wir es häufig in unseren Führungen erleben.
Petermann: Wir planen im nächsten Jahr Rundgänge zu Künstlerhäusern und werden in diesem Zusammenhang auch Wohnorte von Dichtern aufsuchen, z. B. nach Husum in das Theodor-Storm-Haus fahren, das noch original eingerichtet ist und mit seinem Poetenstübchen Einblicke in das Leben und Werk des Dichters gibt. Weitere Rundgänge führen zu wichtigen Kulturlandschaften in Hamburg, in denen vielfältige Bezüge zur Literatur aufgezeigt werden können. Zu nennen wären z. B. der Heine Park mit dem Gartenhaus von Salomon Heine oder der Hirschpark mit dem ehemaligen Wohnhaus von Hans Henny Jahnn.

Interview © Jens Nommel 09/2007

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