Alex Capus

im Gespräch über exotische Schauplätze, die Banalität des Reisens und die Romantik der Trostlosigkeit


Photo © Peter-Andreas Hassiepen

Herr Capus, wie sieht Ihre geistige Literaturkarte aus?

Ich sehe keine abstrakte Karte, sondern etwas wie bei GoogleEarth: Ich schaue mir die Orte wirklich an, lebe und esse da und rede mit den Leuten und weiß deshalb, wie es dort aussieht.

Und es ist eher eine Weltkarte!

Ein wenig bisschen überall auf der Welt. Ich geh eigentlich immer von zuhause aus und dann verschlägt es mich irgendwohin.

Spielt den die Distanz zu ihrer Heimat, dem schweizerischen Städtchen Olten, eine Rolle? Man bekommt den Eindruck, dass Sie gerne sehr weit weg wollen.

Olten hat den Vorteil, dass ich diesen überschaubaren Mikrokosmos schon sehr gut kenne. Da kann ich aus dem Vollen schöpfen. Dagegen haben exotische Schauplätze, nehmen wir nur das Deutsch-Ostafrika von 1914, für den Erzähler einen unschätzbaren Vorteil: es ist eine kleine deutsch-koloniale Gemeinde in einem Dorf von vielleicht 10 Menschen. Das ist dramaturgisch sehr dankbar, weil man da sein Puppentheater ohne Personen von außen aufführen kann, weil es ein geschlossener Kosmos ist.

Sind Reisen in die Ferne Ihre größte Inspirationsquelle?

Nein. Die Geschichte, die ich erzählen will, kenne ich schon vor der Reise. Wenn ich hinfahre, möchte ich kontrollieren, ob alles so stimmt, also ob es da wirklich so riecht oder so heiß ist, wie ich es beschrieben habe. Oder ob es funktionieren kann, dass man den Hähnchenknochen von der Zitadelle direkt in den Senegalfluss schmeißen kann. Ich will, dass es stimmt. Aber das Drama habe ich schon vorher gekannt. Es sind historisch verifizierbare Dramen, die ich erzähle, und deren Quellen sind nun mal in Europa und nicht in Afrika. Es ist traurig, aber das Gedächtnis Afrikas befindet sich in Europa.

Sie haben in einem Interview aber auch einmal von der „Banalität des Reisens“ und den „Reisenden als Dorfdeppen“ gesprochen. Wie meinen Sie das?

Ein gutes Beispiel dafür sind die Kreuzfahrttouristen, die z.B. hier in Hamburg für 12 Stunden die Stadt besichtigen. Das sind nicht alles Deppen, aber sie haben doch von Hamburg gar nichts erfahren. Und das ist charakteristisch für Reisende und Ankömmlinge: sie haben soviel Ahnung wie frisch geborene Kinder. Wenn er allerdings den Koffer abstellt und etwas bleibt, ist er auch kein Reisender mehr. Solange man unterwegs ist, betritt man Neuland und hat keine Ahnung.

In Ihrem neuen Buch Skidoo schreiben Sie "Wo immer auf der Welt ich hinkomme, bleibe ich stets in Kleinstädten hängen, die ein paar tausend Einwohner haben und mich an meine Heimatstadt Olten erinnern." Was macht die Parallele so interessant. Andere Menschen suchen in der Ferne doch meistens das Gegenstück zu ihrem Alltag...

Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass die Menschen überall gleich leben. Wir stehen überall morgens auf, trinken Kaffee und gehen zur Arbeit. Und abends streiten wir uns oder gehen ins Kino.

Sie scheinen als Historiker auch ein erhöhtes Interesse für die Veränderung der Landschaft und der Städte zu haben...

Das ist letztlich das Wesen einer Geschichte. Sie ist nicht statisch, sondern sie bewegt sich durch die Zeit vom Anfang zum Ende hin. Und es verändern sich die Menschen, sonst ist es keine Geschichte und ebenso die Umwelt. Es kann nicht anders sein. Und um die Menschen zu verstehen, in ihrer Geschichte, muss man verstehen, wie sie sich in der sich verändernden Umwelt bewegen.

Sie haben viele verschiedene Kulturräume kennengelernt. Was meinen Sie, kann man kulturelle Räume durch die Literatur erfahrbar machen?

Das will ich doch hoffen! Für mich selber, wenn ich z.B. eine Geschichte aus dem kolonialen Deutsch-Ostafrika erzähle, dann füllt sich ein weißer Fleck auf der Landkarte meiner Seele. Weil ich etwas erfahre und verstehe, wovon ich vorher keine Ahnung hatte. Darin liegt der Sinn der Sache, dass wir verstehen, wie der Mensch lebt. Das versuche ich immer und ich hoffe, dass Leser & Autor das zusammen erleben können.

Sollte der Leser also daheim bleiben und lieber lesen?

Grundsätzlich reisen wir viel zu viel. Mir ist es ein köstliches Privileg beruflich zu reisen und davon zu erzählen, wie es bspw. am Tanganjikasee mitten in Afrika, aussieht. Aber wer bin ich denn, dass ich sage, es wäre mein Privileg und alle anderen dürfen das nicht? Ich meine aber schon, dass wir alle mehr zuhause bleiben sollten und uns dort engagieren sollten, wo wir hingehören. Denn da können wir auch wirklich etwas bewirken, weil wir die Leute sehr gut kennen.

Haben Sie eine Sehnsuchtslandschaft?

Ja, einige. Z.B. das Tiefland Äthiopiens rüber nach Kenia mit den vielen Seen, dort, wo man Lucy gefunden hat. Es ist die Wiege der Menschheit. Und wenn man dort ist, versteht man, wo der Mensch hingehört. Da kommen wir her und da fühlt sich auch jeder Mensch zuhause.

Welche Bücher haben bei Ihnen einen besonderen Eindruck hinterlassen in Hinblick auf die  Imagination von fremden Orten?

Diese Bücher spielen merkwürdigerweise an Orten, an denen ich noch nie gewesen bin. Die Erzählungen von Anton Tschechow, die irgendwo in der russischen Pampa spielen. Ich war noch nie weiter östlich als Ungarn, und trotzdem meine ich ganz genau zu wissen, wie es in diesen russischen Dörfern aussieht mit den verschlammten Straßen der Dörfer des 19. Jahrhundert, die ja wahrscheinlich heute noch so aussehen. Es ist wohl die Romantik der Trostlosigkeit. Dafür habe ich ein starkes Empfinden auch wenn ich noch nie in die Nähe gekommen bin.

Wo führen Sie uns Leser in Ihrem nächsten Roman hin?

Nach Kalifornien, nach Los Alamos und in das in sich zusammenbrechenden Osmanische Reich.

Interview © Jens Nommel 08/2012

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