Judith Schalansky

im Gespräch über Inseln als Orte der Einsamkeit

Frau Schalansky, Sie haben einen Atlas mit Geschichten abgelegener Inseln herausgebracht. Haben Sie ein besonderes Verhältnis zur Einsamkeit?

Das habe ich mich während der Arbeit an dem Buch auch gefragt. Als Kind bin ich oft allein über die Felder gestreunt, und habe nach der perfekten Baumgruppe Ausschau gehalten. Das waren mein Meer und meine Inseln. Ich glaube, jeder, der schreibt, kennt die Einsamkeit. Es ist nicht unbedingt eine gesellige Angelegenheit. Um dennoch unter Menschen zu kommen, arbeite ich vor allem in der Bibliothek.

Haben Sie vielleicht eine Idee davon, was Einsamkeit mit uns macht?

Im besten Fall bringt sie uns uns selbst näher. Im schlechtesten Fall ist der Preis dafür hoch, bedeutet es, von jeglicher Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein. Deshalb ist es auch merkwürdig, darüber in der Mehrzahl zu schreiben. Einsam sein, heißt ja »Ich bin allein«, und nicht »Wir sind allein.«

Haben Sie bei Ihrer Recherche glückbringende Endeckererlebnisse gehabt?

Sehr viele, immer wieder: Der umfangreiche Forschungsbericht der französischen Expedition, die 1874 auf der pazifischen Campbell-Insel die Venuspassage beobachten wollten: Aber das Wetter ist schlecht, eine Wolke verdeckt das Jahrhundertereignis. Das Scheitern wird in dem 300seitigen Bericht nur auf wenigen Seiten abgehandelt, es wird begraben in einer Fülle von Forschungsergebnissen. Die grobkörnigen Fotos einer Ufosichtung auf Trinidade im Jahre 1958, Georg Wilhelms Stellers Beschreibung der nordischen Seekuh, ein sanftes Tier, das bald darauf ausstirbt. Und die enttäuschten Berichte der Entdecker, die an Land gehen und notieren: »Die Insel sieht wirklich trostlos aus.« oder »Ein erbärmlicher Ort.« Großartig!

Sie haben es geschafft, auch weit entfernte Orte in unser Bewusstsein zu holen. Gibt es sie denn noch, die weißen Flecken auf der Karte?

Die Zeit, in der nach jeder Entdeckungsreise die Weltkarte vervollständigt wurde, sind natürlich vorbei. Wir müssen uns mit weniger zufrieden geben. Manchmal wird an den Polen noch die eine oder andere Insel unter dem Eis entdeckt. Aber dafür müssen keine Karten neu gezeichnet werden. Die weißen Flecken sind längst woanders zu finden.

Im Vorwort Ihres Atlanten der abgelegenen Inseln bezeichnen Sie sich als Atlas-Kind – warum?

Weil ich mit dem und in dem Atlas gereist bin, wie wohl alle Kinder. Nur, dass mir meine Mutter klarmachte, dass die Welt außerhalb unseres kleinen Fleckchens namens DDR wirklich fern ist, tatsächlich unerreichbar.

Sie fordern, dass der Atlas selbst zur schönen Literatur gezählt werden sollte. Warum denn das?

In den Karten haben sich die Menschen in die Natur eingeschrieben, ihr Namen gegeben, die von persönlichen Hoffnungen und Enttäuschungen handeln. Im Namensrecht des Entdeckers liegt natürlich auch der Wunsch, sich selbst zu verewigen, wenn schon nicht mit einem Roman oder einem Gedicht, dann wenigstens mit einem Eintrag auf der Landkarte. Der Atlas ist wie jede Literatur eine Interpretationen der Wirklichkeit, ein Versuch, die Welt als Ganzes zu fassen, und nicht zuletzt: sich selbst zu verorten.

Eignen sich Inseln vielleicht deshalb so gut als Ort von Geschichten, weil sie klein, abgeschlossen und überschaubar sind?

Genau. Alles verdichtet sich vor dem geöffneten Vorhang des immer anwesenden Meeres zur Geschichte. Selbst wenn jemand eine Insel nur aus Zufall gefunden hat und nichts damit anzufangen wusste. Die Pointe ist nie weit weg und sie erzählt mehr über die Menschen als über den Ort.

Auch Ihr 2008 erschienener Debutroman "Blau steht dir nicht" handelt von der Küste. Was bedeutet Ihnen persönlich dieser Grenzbereich zwischen Land und Wasser?

Es ist die Möglichkeit des anderen, die Erfahrung des Erhabenen. Wenn ich am Meer stehe, stehe ich gewissermaßen am Rand meines persönlichen Festlandes und kann mich ganz auf meine Sehnsucht konzentrieren.

Welche literarischen Werke, die abgelegene Inseln zum Schauplatz machen, schätzen Sie besonders?

Diejenigen, in denen sich der Verfasser verrät. Dazu passt ein Brief Arno Schmidts an die UNO: Er schlägt vor, so genannte Künstlerinseln einrichten zu lassen mit Stipendium, großer Bibliothek und wunderbaren Arbeitsbedingungen, weit weg von dem Elend des Festlands. Darüber hinaus zählt er ein paar Inseln auf, die dafür infrage kämen, wie St. Helena und Tristan da Cunha – natürlich nicht ohne sogleich einen Platz für sich zu beantragen.

Momentan sind Sie Stipendiatin in Los Angeles. Inwiefern beeinflusst Ihr fremdes Umfeld Ihr Schreiben? Oder anders gefragt: Was macht der Ort mit Ihnen?

Es ist ja ein Ort, den wir schon kennen, mit all den Namen der Fernsehserien- und Filmtitel wie Beverly Hills, Melrose Place, Sunset Boulevard, Mulholland Drive. Es ist schon erstaunlich, dass das wirkliche Orte sind. Ich schaue und versuche, wirklich da zu sein.

Interview © Jens Nommel 11/2009

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