Michael Weins

im Gespräch über Transitzonen, öffnende Blicke und die Sehnsucht am Meer

Photo © Stefan Volk

Herr Weins, welche Orte und Landschaften spielen in Ihren Romanen eine Rolle?

Mich faszinieren vor allem Landschaften, die ich gut kenne. Im Grunde genommen suche ich das Fremde im Vertrauten. Meine Figuren teilen mein Erstaunen über das Fremde, das sich im Vertrauten nicht nur auf der geographischen, sondern auch auf einer psychographischen Landkarte immer wieder blitzartig auftun kann.

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Sie sagen, Sie suchen das Fremde im Vertrauten. Wie machen Sie das?

Immer wieder gibt es Augenblicke, in dem sich scheinbar belanglose, zweckmäßige Landschaften mit einem Zauber überziehen, das kann mit dem sich plötzlich verändernden Licht usw., aber auch mit Stimmungslagen, Einfällen und gesteigerter Konzentration und Aufmerksamkeit zu tun haben. Da ich kein Freund der Langeweile bin, erlebe ich es als Glück, wenn sich in dieser Art plötzlich mein Blick verrückt. Auch wenn ich nicht wirklich Methoden oder Techniken kenne, solche Erlebnisse aktiv herbei zu führen, kann ich mich doch immer wieder auf irgendeine Art und Weise neben mich stellen und auf Dinge, die ich kenne, anders gucken. Ohne diese Fähigkeit würde ich mich zu Tode langweilen.

Welche Welten bespielen Sie denn konkret?

Mein erster Roman Goldener Reiter spielte in einer Art Sackgassenwelt im kleinbürgerlichen Leben am Stadtrand, inkl. Autobahn und Einflugschneise. Eine unwirtliche Randzone. Im neuen Roman Delfinarium ist es ebenfalls eine Randlage, die mich fasziniert, zwischen Dorf und Stadt. Ein Großteil der Handlung spielt im Ort Neuenfelde im Alten Land - durch die Airbus-Werft zum einen der industrielle Vorposten Hamburgs, zum anderen aber auch einmal im Jahr durch die Kirsch- und Apfelblüte aus der banalen Wirklichkeit gerissen und zu einem Astrid-Lindgren-haften Märchenort verklärt. Getrennt von der eigentlichen Stadt durch den Hafen als Pufferzone, durch Kräne und andere Anlagen ein sonderbarer, fast schon abstrakter, durch und durch ästhetisierter Ort.

Sie interessieren sich demnach für Landschaften, die stark vom Menschen geprägt sind?

Es gibt auch andere Landschaften. So steht mein Protagonist gegen Ende des Romans am Ostseestrand bei Rerik, im Gegensatz zu den altbundesrepublikanischen Ostseestränden vergleichsweise naturbelassen, wo sich der Blick öffnet und Weite auftut. Für mich ist das eine spannende Position, gelegen zwischen Land & Wasser, West & Ost, Dies- & Jenseits. Es sind die Transitzonen, die mich interessieren.

Inwiefern entspricht in dieser Situation die Landschaft der inneren Seelen-Landschaft?

Der Protagonist sucht am Strand nichts Gegenständliches. Er sucht die offene Landschaft und er verliert sich vollständig im Sinne einer Sehnsucht. Ich selbst kenne diese Spannung sehr gut: man steht hart an der Grenze und man kann nicht weiter! Es ist wie eine Pforte der Weite an der man zurückgeworfen ist auf den einen Punkt, von dem man nicht wegkommt.

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Worauf bezieht sich die Sehnsucht am Meer?

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Auf nichts. Auf alles. Die Sehnsucht greift nach allem und findet nichts und bezieht sich vor allem auf sich selbst. Da steht man am Ufer und denkt daran, dass die früheren Sommer irgendwie besser waren, erfüllter, damals – als Jugendlicher oder als Kind. Es ist ein wehes Gefühl davon, dass man in der Vergangenheit schon mal dichter dran war, auf eine Art glücklicher, lebendiger. Und gleichzeitig erinnert man sich daran, dass man auch damals schon Sehnsucht fühlte. Als beziehe sich die Sehnsucht auf etwas immer Jenseitiges, ein nicht zu greifendes Heimwehgefühl, das bohrt, und das meinen Helden antreibt. Sehnsucht bleibt ein sonderbares Gefühl.

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Interview © Jens Nommel 05/2009

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Emily Dickinson

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